Unterrichtsbeispiele Mathematik

Die Besiedelung der Zahlengeraden

Es war einmal vor unendlichen Zeiten im Reich der Arithmetik. Die Zahlenwelt war leer, es gab nur einen langen, langen Weg, der nach rechts führte.

 

Der Weg hatte an einer Stelle einen kleinen Punkt. Aber das störte keinen, denn es war ja niemand da, der darüber stolpern konnte.

Eines Tages gab es am Himmel ein strahlendes Licht, ein Komet durchbrach die Wolkenhülle und es regnete goldene Funken. Der Komet verdampfte. Aber nicht vollständig: ein ganz, ganz kleines Kometenkringelchen fiel genau auf den kleinen Punkt der Geraden. Es zappelte ein wenig, es ruckelte ein wenig und schon hatte es beschlossen, diesen Ort als sein neues Zuhause anzunehmen. „Oh ja, „ dachte Kringelchen, „hier bleibe ich. Es ist hell, es ist so schön leer und sauber, hier baue ich ein Haus.“ Aber gar nicht lange gewundert, prasselten zwei seltsame Kerlchen vom Himmel- in einem kleinen Abstand von Kringelchen fiel eine Eins vom Himmel und kurz darauf eine Zwei- direkt auf die Eins. „Na so geht es aber nicht, „schimpfte die Eins. „Ich brauche Platz zum Leben, sieh mal, lass’ so viel Abstand wie ich zu Kringelchen.“ Gesagt getan, die Zwei rückte ein wenig weiter und der Frieden war wieder hergestellt.

Kringelchen, die Eins und die Zwei vertrugen sich gut. Sie spielten Betrag aufsagen. Immer gewann die Zwei, das fanden die anderen beiden schrecklich langweilig. Und eines Tages hatten sie sich alle Geschichten ihres Rechenlebens erzählt. So beschlossen sie, für Nachwuchs zu sorgen. Das war einfach. Zwei wusste ganz genau wie man zahlenschwanger werden konnte. Man musste die Augen fest zumachen und sich ganz doll eine PlusEins wünschen. Das ging aber nur, wenn rechts noch keiner wohnte. Kringelchen mühte sich auch mächtig, aber es hatte keine Chance, rechts wohnte ja die Eins. Eins war auch ziemlich mürrisch, denn rechts von ihr wohnte die Zwei.

Aber dann, als würde sie bald platzen, wurde die Zwei immer dicker, sie wuchs und wuchs und spuckte die Drei aus. Ach, was war das für eine Freude. Die Drei wuchs bald heran und es kam der Tag, da konnte auch unsere Drei ein junges Zahlenkind ausspucken. Kringelchen hatte bald keine Möglichkeit mehr, das Zahlentreiben zu beobachten. Die Besiedelung nach rechts nahm ihren Lauf. Kringelchen plagten mittlerweile ganz andere Sorgen, alle hatten so schöne Namen- Eins, Zwei, Drei. Kringelchen war traurig. Die anderen Zahlen beobachteten voller Sorge, wie Kringelchen immer dünner wurde, weil es so viel weinte. „Nu, nu, nu“, sprach die Eins. „Stottere doch nicht“, rief Zwei und schubste Eins ein wenig. „Nu...ull, null“, sagte Eins. Kringelchen riss die blauen Augen auf, strahlte und meinte: „Null, das ist doch ein Name für mich. So rund, so drall, so null.“ Ach, was waren die Zahlen froh, dass ihr Kringelchen wieder lachte. Sie sagten nur ganz heimlich: „Kringelchen war der schönere Name.“

Null war eine anstrengende Person im Zahlenreich. Kaum war der Name geändert, hatte sie das nächste Problem. Links war es ihr zu kalt. Das muss man sich mal vorstellen, zu kalt- als ob ein Zahlennachbar wärmen würde.

„Mir reicht es jetzt mit der Dicken“, rief Eins. An einem klaren Frosttag stellte sie sich in Positur. Siehe da, in der klaren Luft spiegelten sich die Eins, mit ihr die Zwei und alle anderen Zahlen der Zahlengeraden. Und wenn nicht gerade Schneesterne vor dem Spiegelbild einer jeden Zahl gelandet wären, könnte man sie nicht einmal unterscheiden. So aber glaubt die Null bis heute, dass sie links neue Nachbarn hätte. „Guten Tag, Minus Eins“, ruft sie an jedem Morgen. Eins verdreht dann immer die Augen, aber sie verrät natürlich nichts.

Als es Frühling wurde, kicherten unsere Zahlen mächtig- Frühlingsgefühle- dachte sich die Null. Aber weit gefehlt- über Nacht hatten immer zwei Zahlen lauter kleine Brüche gemacht. Diese wohnten in den Gärten zwischen den Zahlen. Schrecklich viele kleine Dinger kamen zum Vorschein, die Eltern (die ganzen Zahlen!) verloren schon bald den Überblick.

Die Null lehnte sich zurück und dachte: „Wie schön war es doch am Anfang, ich war ganz allein...“

Aber dann stellte sie fest, dass es mit den vielen Zahlen als Nachbarn viel fröhlicher und spannender war.

Und wenn die Zahlen sich nicht verzählt haben, dann leben sie noch heute.

(Eine Geschichte von M. RaL)